Stenophylla schmeckt in Verkostungen ähnlich wie guter Arabica und verträgt deutlich mehr Wärme. Kaufen kannst du sie im Herbst 2026 aber noch nicht.Geschichte und Wiederentdeckung, Verkostung, Hitzetoleranz und der Stand der Versuchsfelder 2026.
Fast aller Kaffee im Handel stammt von zwei Arten, Arabica und Robusta. Wie sie sich unterscheiden, steht in Arabica oder Robusta. Daneben wachsen in Afrika viele wilde Kaffeearten, die kaum jemand anbaut.
Coffea stenophylla ist eine davon. Sie stammt aus Guinea, Sierra Leone und der Elfenbeinküste und steht auf der Roten Liste als gefährdet. Seit 2021 testet ein Forschungsprojekt in Sierra Leone, ob sie wieder zur Nutzpflanze werden kann.
Geschichte: gehandelt, vergessen, 2018 wiedergefunden
Neu ist die Art nicht. Laut einer Übersicht der Kew-Forscher von 2020 erwähnte sie der Botaniker Adam Afzelius schon 1794. Im Jahr 1834 wurde sie wissenschaftlich beschrieben. In den 1890er-Jahren baute man sie in Sierra Leone in größeren Mengen an.
Groß wurde der Handel nie. Der Botaniker Auguste Chevalier schätzte 1929 die Ausfuhr aus Sierra Leone und Guinea auf 3.000 bis 5.000 kg im Jahr. Geringe Erträge und kleine Bohnen standen einem breiten Anbau im Weg. Robusta trug mehr, war billiger und widerstand dem Kaffeerost, einer Pilzkrankheit.

| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 1794 | erste Erwähnung durch Adam Afzelius in Sierra Leone |
| 1834 | wissenschaftliche Beschreibung |
| 1890er | Anbau in Sierra Leone, kleine Ausfuhren |
| 1954 | letzter Wildnachweis in Sierra Leone (Kasewe Hills) |
| Dezember 2018 | eine einzelne junge Pflanze in den Kasewe Hills |
| 2018 bis 2020 | kleine Population in den Kambui Hills bei Kenema |
| 2021 | Studie zu Geschmack und Hitze in Nature Plants |
| 2022 | Pflanzung auf acht Versuchsflächen |
| Januar 2026 | erste Blütenansätze auf vier Flächen |
Den letzten Wildnachweis in Sierra Leone gab es 1954. Im Dezember 2018 fand das Team aus Kew und Sierra Leone in den Kasewe Hills eine einzige Pflanze. Sie war jung und trug weder Blüten noch Früchte. Kurz darauf folgte eine kleine Population in den Kambui Hills bei Kenema mit Bäumen bis 7 m Höhe.

Dort bedrohen Holzeinschlag und kleiner Goldabbau die Bestände. Ein bekannter Standort in der Elfenbeinküste, der Ira-Wald, wurde um 2008 weitgehend zerstört.
Geschmack: in der Blindverkostung oft für Arabica gehalten
Die ersten Tassen gab es im Sommer 2020. Eine Londoner Rösterei bewertete eine kleine Probe aus Sierra Leone nach dem Protokoll der Specialty Coffee Association mit 80,25 Punkten. Ab 80 Punkten gilt Kaffee als Specialty. Wie so eine Bewertung abläuft, zeigt Cupping zu Hause.
Im Dezember 2020 folgte eine Blindverkostung im Sensoriklabor des französischen Agrarforschungszentrums CIRAD in Montpellier. Die Stenophylla stammte aus einer Genbank auf La Réunion und ursprünglich aus der Elfenbeinküste. Daneben standen zwei Arabica aus Äthiopien und Brasilien und ein Robusta aus Indonesien. Die Fachleute sollten angeben, ob sie die Probe für Arabica hielten.
| Probe | Qualität laut Studie | für Arabica gehalten |
|---|---|---|
| Arabica, Äthiopien | hoch | 98 % |
| Stenophylla, Elfenbeinküste | Wildpflanzen, einfach aufbereitet | 81 % |
| Arabica, Brasilien | mittel | 44 % |
| Robusta, Indonesien | hoch | 7 % |
Zugleich gaben 47 % an, etwas Neues zu schmecken. Der Duft des gemahlenen Kaffees erinnerte an gewaschenen Arabica aus Afrika, etwa aus Ruanda. Gelobt wurden Süße und fruchtige Säure. Die Bohnen stammten von zufällig ausgewählten Wildpflanzen, Kaffee von Farmen wurde noch nicht verkostet.
Auch die Chemie der Rohbohnen ähnelt dem Arabica. Eine Analyse von 26 Proben ergab 2025 ähnliche Werte bei Koffein, Saccharose, Zitronensäure und Trigonellin. Neu war Theacrin, ein Verwandter des Koffeins. Stenophylla ist die erste Kaffeeart, in der es gefunden wurde. Welche Rolle es in der Tasse spielt, ist nicht untersucht.
Hitze: knapp 25 °C im Jahresmittel
Die Studie von 2021 verglich die Temperaturen an den Wildstandorten. Stenophylla wächst bei einem Jahresmittel von 24,9 °C. Das sind 6,2 bis 6,8 °C mehr als bei Arabica und 1,9 °C mehr als bei Robusta. Lehrbücher nennen für Arabica oft 18 bis 21 °C und für Robusta 22 bis 26 °C.
| Art | Jahresmittel laut Studie 2021 | Wildheimat |
|---|---|---|
| Arabica | rund 19 °C | Bergwälder Äthiopiens, 1.600 bis 2.800 m |
| Robusta | rund 23 °C | Tieflandwälder Zentralafrikas |
| Stenophylla | 24,9 °C | Westafrika, rund 150 bis 610 m |
Für den Markt ist das wichtig. Nach der Prognose des US-Landwirtschaftsministeriums für 2026/27 sind rund 56 % der Welternte Arabica (von uns gerechnet). Am 2. Oktober 2026 kostete Arabica an der Börse umgerechnet rund 5,68 € pro Kilo, Robusta rund 3,10 €. Ein Kaffee mit Arabica-Geschmack für warme Tieflagen wäre also viel wert.
Robusta ist zudem weniger hitzefest als lange gedacht. Eine Auswertung von fast 800 Farmen fand 2020 die besten Erträge bei 20,5 °C Jahresmittel. Für Stenophylla gibt es solche Ertragsdaten noch nicht. Die Temperaturen der Wildstandorte sagen nichts darüber, wie viel ein Strauch im Anbau trägt.
Versuchsfelder in Sierra Leone: ohne Schatten geht es nicht
Seit 2021 betreibt die Organisation Coffee Culture Sierra Leone eine Gemeinschaftsbaumschule. Partner sind Kew, die Universität Greenwich und die Welthungerhilfe, finanziert wird das Projekt von einem Rohkaffee-Handelshaus. Ziel ist eine Produktion wie Ende des 19. Jahrhunderts und ein Zusatzeinkommen für Bauern.
Wie die Pflanzen im Feld zurechtkommen, zeigt ein Kurzbericht für eine Kaffeekonferenz im Oktober 2026. Sämlinge aus wildem Saatgut kamen 2022 auf acht Flächen, je 100 bis 200 Pflanzen. Die Flächen liegen auf 143 bis 419 m und haben 10 bis 80 % Baumdach. Von Januar bis April 2024 stieg das Thermometer an 59 Tagen auf über 40 °C.
| Baumdach | Überleben nach 2 Jahren | Wachstum |
|---|---|---|
| rund 10 % | 35 % | stockend oder rückläufig |
| 35 bis 55 % | keine Einzelwerte genannt | am besten |
| rund 80 % | 85 bis 95 % | langsamer als bei mittlerem Schatten |
Die Forscher empfehlen anfangs rund 80 % Schatten und später 40 bis 50 %. Auf den besten Flächen waren die Pflanzen nach zwei Jahren im Schnitt 85 cm hoch, ohne Dünger. Auf einer stark beschatteten Fläche verlor rund ein Drittel der Pflanzen Blätter durch Kaffeerost. Die Ergebnisse stammen aus einer Kurzfassung, die vollständigen Daten gibt es nur auf Anfrage.

Daneben veredelt das Team Stenophylla auf Wurzeln von Excelsa, botanisch Coffea dewevrei. Laut einem Bericht des Handelshauses vom Februar 2025 wuchsen im Juni 2024 alle 200 Veredelungen an. Ein kleiner privater Pilotbetrieb bei Kenema meldete im April 2026 Verluste durch Hitze und Wassermangel, ohne Zahlen zu nennen.
Stand 2026: erste Blüten, aber kein Kaffee im Handel
Im Januar 2026 zeigten Pflanzen auf vier Flächen erste Blütenansätze, vier Jahre nach der Pflanzung. Arabica und Robusta tragen meist nach etwa drei Jahren die ersten Kirschen, mehr dazu in Vom Kaffeebaum in die Tasse. Im Februar 2025 hatte das Projekt eine erste Ernte noch für 2025 erwartet.
Saatgut und Jungpflanzen gibt es laut demselben Bericht nicht zu kaufen. Für die Ausfuhr von Pflanzenmaterial braucht es eine Genehmigung der Regierung Sierra Leones. Seit 2025 gibt das Projekt Pakete von rund 200 Pflanzen zum Selbstkostenpreis an Bauern und Einrichtungen für Versuche ab.
Aaron Davis von Kew erwartete im April 2025, dass Stenophylla vorerst ein Nischenkaffee für Kenner bleibt. Wie hoch die Erträge sein werden, wisse noch niemand. Offen sind auch Aufbereitung, Export und Marktwert. Ein datiertes Angebot für Roh- oder Röstkaffee aus Stenophylla haben wir bis zum 24. Oktober 2026 nicht gefunden.
Stenophylla verbindet in den bisherigen Tests einen Geschmack nahe am Arabica mit Temperaturen, die für Robusta schon warm sind. An kleinen Ernten ist ihr Anbau aber schon einmal gescheitert. Erst die nächsten Jahre in Sierra Leone zeigen, ob sie genug trägt.
Stand: 24. Oktober 2026.
Quellen
- Davis, A. P. u. a., Nature Plants 7, 413–418: Arabica-like flavour in a heat-tolerant wild coffee species, 19.04.2021.
- CIRAD: ‘Forgotten’ coffee species could help to futureproof the coffee industry under climate change, 22.04.2021.
- Nick Brown, Daily Coffee News: What Researchers Learned from the Remarkable Stenophylla Tasting, 29.04.2021.
- Davis, A. P. u. a., Frontiers in Plant Science 11:616: Re-discovery of Coffea stenophylla and C. affinis in Sierra Leone, 19.05.2020.
- Nick Brown, Daily Coffee News (zu Jan-Smith, E. u. a., npj Science of Food 9:33): Study Explores the Arabica-Like Cup Qualities of the Stenophylla Coffee Species, 25.03.2025.
- Royal Botanic Gardens, Kew: The revitalization of stenophylla coffee in Sierra Leone, ohne Datum, abgerufen 24.10.2026.
- Sucafina: Unlocking the Potential of Stenophylla Coffee, 24.02.2025.
- Haggar, J.; Davis, A. P.; Sarmu, D.; Johnbull, A., ICC 2026 Triest: Establishment Requirements for Coffea stenophylla in Its Native Sierra Leone, 17.07.2026.
- Marta Zaraska, Smithsonian Magazine: How a Forgotten Bean Could Save Coffee From Extinction, 01.04.2025.
- Coffea Stenophylla: A Future for Coffee (Pilotbetrieb Kenema): May 2026: Farm Update, 30.04.2026.
- USDA Foreign Agricultural Service: Coffee: World Markets and Trade, 02.07.2026.
- Uganda Coffee Development Authority: Daily Coffee Market Analysis Report, Schlusskurse vom 02.10.2026, 05.10.2026.
- Alliance of Bioversity International and CIAT (zu Kath, J. u. a., Global Change Biology 26(6)): Not so robust: robusta coffee more sensitive to warming than previously thought, 29.06.2020.



