Viele Kakaobauern in Westafrika verdienen zu wenig zum Leben. Das begünstigt Kinderarbeit auf den Farmen und die Rodung von Wald für neue Felder.Einkommen und Preise, Kinderarbeit in Zahlen, Wald und EU-Regeln, Siegel und Kauftipps.
Fast jede zweite Kakaobohne der Welt kommt aus zwei Ländern. Nach der Statistik der Internationalen Kakaoorganisation ICCO ernteten Côte d’Ivoire und Ghana 2023/24 zusammen rund 2,12 Millionen Tonnen. Weltweit waren es 4,37 Millionen Tonnen, das sind knapp 49 Prozent (von uns gerechnet).
Armut, Kinderarbeit und Rodung hängen dabei zusammen. Fremdwährungen sind mit dem EZB-Kurs vom 22. Oktober 2026 umgerechnet. Der westafrikanische CFA-Franc ist fest an den Euro gebunden, 1 € entspricht 655,957 CFA-Franc.
Kleine Farmen, wenig Einkommen: der Kern des Problems
Kakao wächst in Westafrika fast nur auf Familienbetrieben. Die Kakaoforscherin Kristy Leissle schätzte 2018 im US-Fernsehen, dass 90 bis 95 Prozent der Erzeuger Kleinbauern sind. Eine Studie im Auftrag von Fairtrade befragte 2024 in Côte d’Ivoire 704 zertifizierte Bauern. Ihre Kakaofläche lag im Mittel bei 3 Hektar, ein typischer Haushalt hatte 7 Personen.
Nur 7 Prozent dieser Haushalte erreichten ein existenzsicherndes Einkommen. Gemeint ist genug Geld für Essen, Wohnung, Schule, Gesundheit und eine kleine Rücklage. Der mittlere Haushalt kam auf rund 2.500 € im Jahr, nötig wären 6.678 € gewesen. Das sind etwa 37 Prozent des Bedarfs, erhoben für die Ernten 2023/24.
Ein Grund liegt in der Verteilung entlang der Kette. Das französische Institut BASIC hat 2020 für FAO und Partner den Preis einer dunklen Tafel aus dem Jahr 2018 aufgeschlüsselt.
| Stufe | Anteil am Ladenpreis einer dunklen Tafel, Frankreich 2018 |
|---|---|
| Kakaobauern | 11,3 % |
| Erzeugerländer gesamt, mit Sammlung und Export | 18,6 % |
| Verarbeitung der Bohnen (Vermahlung) | 5,8 % |
| Schokoladenhersteller | 37 % |
| Handel | 37 % |
Bei Milchschokolade lag der Bauernanteil bei 7,3 Prozent. Die Zahlen gelten für Frankreich vor der Preiskrise, nicht für jede Tafel.

Preise 2026: Rekord an der Börse, Absturz am Hof
In Côte d’Ivoire und in Ghana setzt der Staat den Preis fest, den Bauern für ein Kilo Kakao bekommen. Grundlage sind Vorabverkäufe eines Teils der Ernte. Das dämpft Schwankungen, gibt Preissprünge aber nur verzögert weiter.
Im Dezember 2024 erreichte Kakao an der Börse den Rekord von 12.906 US-Dollar je Tonne, umgerechnet rund 11.518 €. Danach fiel der Preis stark. Am 22. Oktober 2026 lag er bei rund 5.600 US-Dollar je Tonne, umgerechnet rund 5.000 €. Mehr zum Kursverlauf steht in Kakaopreis 2026.
Côte d’Ivoire hatte für 2025/26 noch 2.800 CFA-Franc je Kilo gezahlt. Am 1. September 2026 senkte der Kaffee- und Kakaorat den Preis für die Haupternte 2026/27 auf 1.200 CFA-Franc, umgerechnet rund 1,83 €. Das ist ein Minus von 57 Prozent. Ghana zahlt in der neuen Saison 42.400 Cedi je Tonne, also 42,4 Cedi je Kilo.
Ein Vergleich hilft beim Einordnen. Fairtrade berechnet einen Referenzpreis für existenzsicherndes Einkommen, kurz LIRP. Er rechnet das nötige Familieneinkommen bei realistischer Farmgröße und realistischem Ertrag in einen Kilopreis ab Hof um. Für Côte d’Ivoire geht er von 2,8 Hektar Kakao und 597 Kilo Ertrag je Hektar aus.
| Saison 2026/27 | Staatlicher Preis ab Hof | Fairtrade-Referenzpreis (LIRP 2026) | Hofpreis in % des LIRP |
|---|---|---|---|
| Côte d’Ivoire | 1.200 CFA-Franc/kg, rund 1,83 € | 1.758 CFA-Franc/kg, rund 2,68 € | rund 68 % |
| Ghana | 42,4 Cedi/kg | 45,4 Cedi/kg | rund 93 % |
Alle Prozente sind von uns gerechnet. Als Fairtrade die Werte 2025 überprüfte, lagen beide staatlichen Preise noch deutlich über dem Referenzpreis. Mit der Preissenkung ist die ivorische Lücke zurück. Vom Börsenpreis, rund 5 € je Kilo, erhalten ivorische Bauern etwa 37 Prozent. Dazwischen liegen allerdings Transport, Abgaben und Exportkosten.

Kinderarbeit: 1,56 Millionen Kinder laut NORC-Bericht
Die wichtigste Erhebung stammt vom Institut NORC an der Universität Chicago, bezahlt vom US-Arbeitsministerium und veröffentlicht im Oktober 2020.
Leichte, altersgerechte Mithilfe auf dem Hof zählt nicht dazu. Als Kinderarbeit zählt Arbeit, die für das Alter zu viel ist oder den Schulbesuch beeinträchtigt. Als gefährlich gilt etwa die Arbeit mit Macheten, das Tragen schwerer Lasten oder der Umgang mit Pflanzenschutzmitteln.
| Kakaogebiete in Côte d’Ivoire und Ghana | 2008/09 | 2018/19 |
|---|---|---|
| Kinder in Kinderarbeit im Kakaoanbau | nicht ausgewiesen | rund 1,56 Millionen |
| davon bei gefährlicher Arbeit | nicht ausgewiesen | rund 1,48 Millionen (etwa 95 %) |
| Anteil Kinderarbeit unter Kindern aus Bauernhaushalten | 31 % | 45 % |
| Anteil gefährlicher Kinderarbeit | 30 % | 43 % |
Die Anteile stiegen in zehn Jahren deutlich, während die Ernte beider Länder um 62 Prozent auf 3,1 Millionen Tonnen wuchs. Die Daten sind sechs Jahre alt.
Nach dem Harkin-Engel-Protokoll von 2001 setzten sich 2010 Regierungen, US-Arbeitsministerium und Industrie das Ziel, die schlimmsten Formen der Kinderarbeit bis 2020 um 70 Prozent zu senken. Nach den NORC-Daten ist der Anteil gefährlicher Kinderarbeit stattdessen gestiegen.
Heute setzen viele Firmen und Kooperativen auf Überwachungs- und Hilfesysteme, kurz CLMRS. Geschulte Helfer besuchen Familien, erfassen Fälle und organisieren Hilfe. Laut Jahresbericht 2024 der Internationalen Kakaoinitiative ICI deckten solche Systeme bis September 2024 rund 1,17 Millionen Haushalte ab. 26 Prozent der erfassten Kinder arbeiteten in Kinderarbeit. Von ihnen waren 44 Prozent nach zwei Folgebesuchen nicht mehr betroffen.
Entwaldung: Wo der Wald dem Kakao weicht
Côte d’Ivoire hatte 1960 rund 16 Millionen Hektar Wald. Laut UN-REDD, einem Programm der Vereinten Nationen, waren es 2018 noch rund 2,5 Millionen Hektar. Das Land hat damit fast 85 Prozent seiner Wälder verloren. Kakao gilt dort als wichtigster direkter Treiber der Entwaldung.
Dahinter steckt wieder das Einkommen. Alte Bäume und ausgelaugte Böden tragen weniger, Geld für Dünger und Nachpflanzung fehlt. Dazu kommt das Swollen-Shoot-Virus. In Ghanas Region Western North waren 2024 nach Daten der Kakaobehörde 81 Prozent der Kakaofläche befallen, landesweit rund 26 Prozent.

Die EU-Entwaldungsverordnung soll das ändern. Kakao und Schokolade dürfen dann in der EU nur verkauft werden, wenn die Bohnen von Flächen stammen, die nach dem 31. Dezember 2020 nicht entwaldet wurden. Die Pflichten gelten nach der Änderungsverordnung (EU) 2025/2650 ab dem 30. Dezember 2026 für große und mittlere Unternehmen.
Kleinst- und Kleinunternehmen folgen am 30. Juni 2027. Ein Vorschlag für eine weitere Verschiebung lag bis Mitte Oktober 2026 nicht vor. Wie Sorgfaltserklärung und Länderliste funktionieren, erklärt unser Beitrag zur EU-Entwaldungsverordnung für Kaffee und Kakao.
Siegel und Aufschläge: was sie leisten und was nicht
Fairtrade hat seine Kakaopreise zum 1. September 2026 angehoben. In Côte d’Ivoire gilt ein Mindestpreis von 3.200 € je Tonne, dazu eine Prämie von 250 € je Tonne. In Ghana sind es 3.500 US-Dollar Mindestpreis und 275 US-Dollar Prämie, umgerechnet rund 3.124 € und 245 €. Ab 1. Oktober 2026 müssen 40 Prozent der Prämie bar an die Mitglieder der Kooperativen gehen.
Auf ein Kilo Kakao umgelegt ist die ivorische Prämie 25 Cent. Die Lücke zum Referenzpreis schließt sie nicht. Bei Kakao erlaubt Fairtrade zudem einen Mengenausgleich. Der Hersteller kauft dann zertifizierten Kakao in der Menge ein, die er verkauft, in der einzelnen Tafel kann aber auch anderer Kakao stecken. Beim Kaffee gibt es das nicht.
Was die Siegel beim Kaffee regeln und wo sie an Grenzen stoßen, steht in Fairtrade, Rainforest Alliance und Direct Trade. Einige Hersteller gehen weiter und zahlen freiwillig bis zum Referenzpreis, kaufen rückverfolgbar und schließen mehrjährige Verträge.

Am Ende entscheidet der Preis ab Hof. Liegt er unter dem Bedarf einer Familie, fehlt Geld für Helfer, Schule und gesunde Bäume. Wie aus der Bohne eine Tafel wird und wo dabei Kosten entstehen, zeigt Bean-to-Bar: So entsteht Schokolade.
Stand: 24. Oktober 2026.
Quellen
- ICCO: Production, Quarterly Bulletin of Cocoa Statistics Vol. LI No. 2, 30.05.2025.
- Fairtrade: Cocoa household income study 2025 (Erhebung Juli/August 2024), 2025.
- PBS NewsHour Weekend: The challenging lives of the world’s cocoa growers (Interview mit Kristy Leissle), 01.04.2018.
- BASIC für FAO und Partner: Cocoa value chain in France, Executive Summary (Daten 2018), Juni 2020.
- Trading Economics: Cocoa Futures Hover Around $5,600, 22.10.2026, abgerufen 24.10.2026.
- Africa24: Côte d’Ivoire cocoa: CFAF 1,200/kg for the 2026/2027 season, 06.09.2026.
- Ghana News Agency: Ghana opens 2026/27 cocoa season with producer price of GH¢42,400 per tonne, September 2026.
- Fairtrade International: Living income reference prices cocoa Ghana and Côte d’Ivoire, explanatory note 2026, April 2026.
- NORC, Zusammenfassung der Schweizer Kakaoplattform: NORC Report Information (Erhebung 2018/19), 19.10.2020.
- U.S. Department of Labor, ILAB: Assessing Progress in Reducing Child Labor in Cocoa-Growing Areas of Côte d’Ivoire and Ghana, ohne Datum, abgerufen 24.10.2026.
- International Cocoa Initiative: Annual Report 2024, abgerufen 24.10.2026.
- UN-REDD: On the path to sustainable cocoa and forest restoration in Côte d’Ivoire, 29.05.2018.
- The Cocoa Post, nach ICCO und COCOBOD: Major Ghana cocoa region 81% infected with bean disease, 22.07.2024.
- Amtsblatt der EU: Verordnung (EU) 2025/2650 zur Änderung der Verordnung (EU) 2023/1115, 23.12.2025.
- Fairtrade International: Fairtrade boosts support for cocoa farmers amid continuing market uncertainty, 11.12.2025, korrigiert 07.09.2026.
- Fairtrade Deutschland: Rückverfolgbarkeit in Fairtrade-Lieferketten, ohne Datum, abgerufen 24.10.2026.



