Frauen leisten auf vielen Kaffeefarmen einen großen Teil der Arbeit, besitzen aber seltener das Land und bekommen seltener das Geld aus dem Verkauf.Die 70-Prozent-Zahl eingeordnet, Land und Einkommen in Zahlen, Siegel und Programme.

Kaffee wächst zum größten Teil auf kleinen Familienbetrieben. Dort arbeiten Frauen, Männer und Kinder nebeneinander, oft ohne feste Rollen auf dem Papier. Wie groß der Anteil der Frauen an dieser Arbeit ist, lässt sich deshalb nur grob schätzen.

Deutlich genauer sind die Daten dazu, wem Land und Bäume gehören und in wessen Namen der Kaffee verkauft wird. Die umfassendste Auswertung für den Kaffee stammt von der Internationalen Kaffeeorganisation ICO aus dem Jahr 2018. Sie stützt sich vor allem auf Studien aus Ostafrika und Lateinamerika.

Die 70-Prozent-Zahl: woher sie stammt und was sie zählt

In fast jedem Text zum Thema steht, dass Frauen 70 Prozent der Arbeit im Kaffeeanbau leisten. Die ICO nennt die Zahl in ihrem Bericht von 2018 ebenfalls. Sie übernimmt sie aus einem Beitrag des International Trade Centre von 2008, einer Agentur von UN und Welthandelsorganisation.

Die ICO selbst schränkt die Zahl ein. In der Zusammenfassung heißt es „bis zu 70 Prozent, je nach Region“. Gezählt werden Bäuerinnen, mithelfende Familienangehörige und Lohnarbeiterinnen zusammen. In stark mechanisierten Ländern wie Brasilien arbeiten Frauen laut Bericht deutlich seltener in Anbau und Ernte.

Dazu kommt die Datenlage. Afrika, vor allem Ostafrika, ist im Bericht gut vertreten, Asien kaum. Die ICO warnt ausdrücklich davor, die Werte auf den ganzen Kaffeesektor zu übertragen. Die 70 Prozent sind also ein oberer Richtwert für manche Regionen und kein weltweiter Durchschnitt.

Oft wird die Zahl um einen zweiten Teil ergänzt, nach dem Frauen nur 10 Prozent des Einkommens erhielten. Im ICO-Bericht steht diese Angabe nicht. Eine belastbare, datierte Quelle für den Kaffee haben wir dafür nicht gefunden, deshalb verwenden wir sie nicht.

Für die Landwirtschaft insgesamt gibt es bessere Zahlen. Die Agrarökonomin Cheryl Doss kam 2014 auf etwas mehr als 40 Prozent Frauen unter den Arbeitskräften weltweit. Selbst in Afrika südlich der Sahara waren es unter 50 Prozent. 2018 prüfte sie mit Kolleginnen verbreitete Behauptungen. Die Aussage, Frauen erzeugten 60 bis 80 Prozent der Nahrung, ließ sich mit Daten nicht stützen.

Hände pflücken reife rote Kaffeekirschen von einem Zweig
Reife Kirschen werden von Hand gepflückt. Bei der Ernte arbeiten in vielen Regionen besonders viele Frauen mit.Foto: The Manh / Unsplash

Unsichtbare Arbeit: warum die Statistik Frauen oft übersieht

Ein Teil der Unschärfe liegt im Zählen selbst. Manche Erhebungen erfassen nur die Person, die einen Betrieb führt. Andere zählen Haushalte mit einer Frau als Oberhaupt, oft Witwen oder alleinstehende Frauen. Eine Ehefrau, die auf dem Feld ihres Mannes pflückt und sortiert, taucht in beiden Fällen nicht auf.

Wie stark das ins Gewicht fällt, zeigt eine Befragung aus Uganda, die der ICO-Bericht zitiert. Rund ein Drittel der erwachsenen Frauen gab an, für den Kaffeeanbau verantwortlich zu sein. Bei den männlichen Haushaltsvorständen waren es über 90 Prozent. Die Arbeit der Frauen verschwindet so in der Statistik des Haushalts.

Auch beim Wissen zeigt sich der Abstand. In einer ugandischen Stichprobe mit 453 Haushalten besuchten 58 Prozent der männlichen Haushaltsvorstände Schulungen für Kaffeebauern. Bei den Bäuerinnen waren es 46 Prozent. Wie viel Handarbeit von der Blüte bis zum Rohkaffee anfällt, zeigt Vom Kaffeebaum in die Tasse.

Frau hält rote, runde Früchte in den Händen
Viele Erhebungen erfassen Pflücken und Sortieren nicht, wenn der Betrieb auf einen anderen Namen läuft.Foto: Delightin Dee / Unsplash

Land und Bäume: Frauen besitzen deutlich weniger

Belastbarer sind die Zahlen zum Eigentum. Nach der ICO werden weltweit 20 bis 30 Prozent der Kaffeefarmen von Frauen geführt. Das entspricht rund 5 der geschätzt 25 Millionen Kaffeeerzeuger. Eine einzelne Erhebung steht hinter dieser Spanne nicht, die ICO hat sie aus mehreren Studien zusammengestellt.

Kennzahl Wert Region, Quelle laut ICO 2018
Kaffeefarmen unter Führung von Frauen 20 bis 30 % weltweit, Zusammenstellung der ICO
Kaffeehaushalte mit Frau als Oberhaupt 19 bis 28 % Äthiopien, Uganda, Tansania (Weltbank-Daten)
Frauen unter den Kaffeeerzeugern 19 bis 34 % Mittelamerika (IWCA, ohne Jahr)
Landbesitz von Frauen gegenüber Männern im Schnitt 25 % weniger von 20 % (Uganda) bis 40 % (Tansania)
Haushalte mit eigenem Land, Nicaragua rund 45 % (Mann) zu gut 10 % (Frau) Croppenstedt u. a. 2013
Frauen unter den Landwirten mit eigener Fläche unter 5 % bis über 25 % Asien bis Lateinamerika (FAO 2011)

Land ist im Kaffee mehr als eine Fläche. Ein Kaffeebaum trägt erst nach einigen Jahren und dann über Jahrzehnte. Ohne eigenes Land fehlt oft die Sicherheit für einen Kredit und damit das Geld für Dünger oder neue Pflanzen. Auf den Parzellen von Frauen in Uganda waren die Kaffeebäume im Schnitt gut 8 Prozent älter.

Einnahmen: das Geld geht oft an den, der verkauft

Den Erlös bekommt in der Regel die Person, die den Kaffee an die Kooperative oder einen Händler liefert. In vielen Haushalten ist das der Mann. Die ICO hat dazu Daten der Weltbank aus drei ostafrikanischen Ländern ausgewertet.

Befund Frauen Männer bzw. Vergleich Quelle laut ICO 2018
Kaffee-Einnahmen von Haushalten mit Frau als Oberhaupt, Äthiopien 39 % niedriger Haushalte mit Mann als Oberhaupt Weltbank-Daten, ICO-Auswertung
dasselbe, Uganda 44 % niedriger Haushalte mit Mann als Oberhaupt Weltbank-Daten, ICO-Auswertung
dasselbe, Tansania kein gesicherter Unterschied Weltbank-Daten, ICO-Auswertung
als Rohkaffee verkaufter Anteil, Uganda 18 % 29 % Sekabira und Qaim 2017
Ausgaben für Betriebsmittel, Uganda 17 % niedriger Sekabira und Qaim 2017
Ertrag von Farmen unter Führung von Frauen, Kolumbien und Ecuador 2,5 % niedriger, nicht signifikant Avila und Useche 2016

Der Verkaufsweg erklärt einen Teil der Lücke. Frisch gepflückte Kirschen bringen weniger als Rohkaffee, der schon aufbereitet und getrocknet ist. In Uganda verkauften Bäuerinnen nur 18 Prozent ihres Kaffees als Rohkaffee, Bauern 29 Prozent. Die Forscher halten niedrigere Preise für eine wahrscheinliche Folge.

Kolumbien und Ecuador zeigen, dass die Lücke nicht naturgegeben ist. Dort lagen Erträge und Preise von Farmen unter weiblicher und männlicher Führung fast gleich. Wo Frauen ähnlichen Zugang zu Land, Beratung und Märkten haben, schrumpft der Abstand.

Der Blick der FAO: Gleichstellung als Frage der Produktivität

Für die gesamte Landwirtschaft hat die Welternährungsorganisation FAO im April 2023 einen großen Bericht vorgelegt. Bei gleicher Betriebsgröße liegt die Produktivität von Bäuerinnen danach 24 Prozent unter der von Bauern. In der Lohnarbeit verdienen Frauen 82 Cent für jeden Dollar, den Männer bekommen.

Die FAO führt beides auf ungleichen Zugang zu Land, Betriebsmitteln, Krediten und Wissen zurück. Würden die Lücken geschlossen, wüchse die Weltwirtschaft nach ihrer Modellrechnung um knapp 1 Billion US-Dollar, umgerechnet knapp 890 Milliarden €. Die Schätzung gilt für alle Agrar- und Ernährungssysteme zusammen und lässt sich nicht auf Kaffee herunterrechnen.

Frisch gebrühter Kaffee in einem gemütlichen, schlicht eingerichteten Café
Kaffee im Café. Welchen Anteil Frauen an Anbau und Erlös hatten, sieht man der Tasse nicht an.Foto: Sai Manne / Unsplash

Siegel, Kooperativen und Programme: was belegt ist

Siegel setzen bei der Kooperative oder dem Inhaber des Zertifikats an. Eingetragene Mitglieder liefern den Kaffee, bekommen das Geld und stimmen über die Prämie ab. Frauen ohne eigenes Land sind deshalb oft gar nicht Mitglied. In zwei kenianischen Kooperativen lag der Frauenanteil laut ICO bei 29 und 34 Prozent.

Die Wirkung von Zertifizierung darauf ist kaum sauber untersucht. Eine Göttinger Studie befragte 2012 in Zentraluganda 419 Haushalte, die Robusta anbauen. In nicht zertifizierten Haushalten bestimmte in 60 Prozent der Fälle der Mann allein über das Kaffeegeld. In zertifizierten Haushalten waren es 44 Prozent.

Die Autoren nennen den einfachen Vergleich ausdrücklich noch keinen Beweis für Ursache und Wirkung. Ihre Daten stammen aus einer einzigen Befragung, und auf andere Länder lassen sich die Ergebnisse nicht ohne Weiteres übertragen.

Was Erntehelferinnen verdienen, weist kein Siegel aus. Eine Übersichtsarbeit fand 2017 keine belegten positiven Wirkungen von Zertifizierung auf die Löhne von Arbeitskräften, die Datenlage war allerdings dünn. Was die einzelnen Zeichen regeln, steht in Fairtrade, Rainforest Alliance und Direct Trade.

Gezielte Programme setzen meist bei der Mitgliedschaft an. In Äthiopien wurden in einem zweijährigen Kooperativenprogramm einer US-Entwicklungsorganisation 3.619 Frauen erstmals Mitglied. Das war ein Zuwachs von 25 Prozent. Dazu kamen 114 Frauen in Leitungsämtern, ihre Zahl verdoppelte sich damit.

Netzwerke wie die International Women’s Coffee Alliance arbeiten seit 2003 an dem Thema. Gegründet haben sie Frauen aus Costa Rica, Nicaragua und den USA. Heute zählt die Allianz nach eigenen Angaben 35 eigenständige Landesgruppen auf allen Kontinenten. Wirkungsdaten, die sich mit Studien vergleichen ließen, veröffentlicht sie nicht.

Für den Einkauf ergibt sich daraus wenig Einfaches. Ein höherer Preis für den Rohkaffee hilft nur dann, wenn er bei der Person ankommt, die die Arbeit gemacht hat. Warum guter Kaffee mehr kostet und wohin das Geld fließt, erklärt Warum Specialty Coffee so viel kostet.

Die Lücke zwischen Frauen und Männern im Kaffee steckt weniger in der Arbeit als im Eigentum. Über das Einkommen entscheiden Grundbuch, Mitgliederliste der Kooperative und die Frage, in wessen Namen der Kaffee verkauft wird. Hier setzen die Programme an, deren Wirkung bisher am besten belegt ist.

Stand: 24. Oktober 2026.

Quellen

  1. International Coffee Organization, ICC-122-11: Gender Equality in the Coffee Sector (Insight Report, PDF), September 2018.
  2. International Trade Centre, International Trade Forum (zitiert nach ICO 2018): Women in Coffee, 2008.
  3. Doss, C.; Meinzen-Dick, R.; Quisumbing, A.; Theis, S., Global Food Security 16: Women in agriculture: Four myths, 2018.
  4. Cheryl Doss, CGIAR-Forschungsprogramm PIM: If women hold up half the sky, how much of the world’s food do they produce?, 06.10.2014.
  5. FAO: Women’s equality in agrifood systems could boost the global economy by $1 trillion (Pressemitteilung zu The status of women in agrifood systems), 13.04.2023.
  6. FAO: The status of women in agrifood systems, Overview, 2023.
  7. Chiputwa, B.; Qaim, M., GlobalFood Discussion Paper 52, Universität Göttingen: Sustainability standards, gender, and nutrition among smallholder farmers in Uganda (PDF), Dezember 2014.
  8. 3ie, nach Oya, C. u. a., Campbell Systematic Review: Systematic review of agricultural certification schemes: findings and reactions, Review 2017, abgerufen 24.10.2026.
  9. International Women’s Coffee Alliance: About, ohne Datum, abgerufen 24.10.2026.