Mehr Kaffee aus Brasilien und Vietnam verändert 2026 die Stimmung an den Terminbörsen. Nach Jahren hoher Preise erwarten Händler ein größeres Angebot. Gleichzeitig bleiben zertifizierte Lagerbestände in wichtigen Teilmärkten knapp, und die nächste Blüte in Brasilien bringt Wetterrisiken. Was erklärt den Preisdruck – und warum ist ein anhaltender Preisverfall keineswegs sicher?
Quelle: International Coffee Organization, September 2026. Monatswerte, keine Live-Kurse oder Prognosen.
1. Warum gerieten die Kaffeepreise im September unter Druck?
Die Preise an Rohstoffmärkten reagieren nicht allein auf die gerade verfügbare Ware, sondern auch auf Erwartungen über das Angebot der kommenden Monate. Wenn eine große Ernte weitgehend eingebracht ist und Exporte zunehmen, wächst die Bereitschaft, mit mehr Verfügbarkeit zu rechnen. Diese Erwartung kann Futures schon bewegen, bevor der gesamte Kaffee bei den Käufern angekommen ist.
Im September 2026 sank der zusammengesetzte Referenzpreis der International Coffee Organization, der ICO Composite Indicator Price (I-CIP), um 8,7 Prozent auf 262,18 US-Cent je Pfund. Die ICO führte den Rückgang wesentlich auf die zusätzliche Verfügbarkeit aus Brasilien und Erwartungen an ein verbessertes Angebot zurück. Quelle: ICO, September-Bericht.
2. Brasilien: Eine große Ernte ist ein starkes Signal
Brasilien ist der größte Kaffeeproduzent der Welt. Im September berichteten Branchenanalysten, dass die Ernte 2026/27 weitgehend abgeschlossen sei und dadurch mehr Ware verfügbar werde. Für die Preisbildung ist jedoch zwischen der geernteten Menge, tatsächlichen Exporten und den bereits verkauften beziehungsweise noch gelagerten Mengen zu unterscheiden.
Die brasilianische Außenhandelsstatistik weist für September 2026 rund 235.800 Tonnen Rohkaffeeexporte aus. Das entspricht rechnerisch etwa 3,93 Millionen 60-Kilogramm-Säcken. Gegenüber September 2025 lag die ausgeführte Menge um 20,4 Prozent höher, während der durchschnittliche Exportpreis um 9,8 Prozent niedriger war. Dieser Befund illustriert: Mehr Absatz muss nicht bedeuten, dass der Preis je Tonne steigt. Bericht auf Basis von Secex-Daten, Oktober 2026.

3. Wie verändert Vietnam den Robusta-Markt?
Vietnam prägt als führender Robusta-Anbieter die Versorgung für Espressomischungen und löslichen Kaffee. Nach dem ICO-Marktbericht stiegen die vietnamesischen Robusta-Rohkaffeeexporte im August 2026 gegenüber dem Vorjahresmonat stark an. Ein höherer Exportfluss kann Käufer entlasten und Erwartungen an eine reichlichere Versorgung stützen.
Gleichzeitig ist die exportierte Menge nicht mit der aktuellen Ernte gleichzusetzen. Verkäufe aus Lagerbeständen, Transportverzögerungen und unterschiedliche Vermarktungsjahre müssen berücksichtigt werden. Ein einzelner starker Exportmonat liefert deshalb noch keine sichere Prognose für die nächste Saison.
4. Warum bleiben zertifizierte Lagerbestände wichtig?
Eine große Ernte und knappe börsenzertifizierte Bestände können gleichzeitig existieren. Die von ICE erfassten Lagerbestände enthalten nur Kaffee, der den Anforderungen für die jeweilige Börsenlieferung entspricht. Sie bilden nicht alle Bohnen ab, die weltweit bei Farmen, Exporteuren oder Röstern lagern.
StoneX stellte Anfang September 2026 genau diese Kombination heraus: verbesserte Angebotsaussichten auf der einen Seite, weiterhin angespannte zertifizierte Bestände auf der anderen. Für den Preis kann das bedeuten, dass größere Gesamtmengen die Kurse belasten, während die kurzfristige Verfügbarkeit bestimmter lieferfähiger Qualitäten knapp bleibt. StoneX Coffee Network, 4. September 2026.
5. Wie entwickelten sich Arabica und Robusta im Monatsvergleich?
Die ICO ermittelt neben dem Gesamtindex vier Preisgruppen. Im September 2026 gaben alle vier Gruppen nach. Besonders stark sanken Brazilian Naturals, während der Robusta-Gruppenindikator etwas weniger stark fiel.
September 2026 gegenüber August · prozentualer Rückgang
Eigene Darstellung nach dem ICO Coffee Market Report September 2026. Die Balken zeigen die Höhe des Rückgangs, nicht die Preise in US-Dollar.
Das zeigt auch, warum die häufig verwendete Aussage „Robusta fällt stets stärker als Arabica“ nicht trägt. An einzelnen Handelstagen kann das so sein; im gesamten September fiel der Robusta-Gruppenindikator geringer als die drei Arabica-Gruppenindikatoren.
6. Welche Rolle spielt die nächste Blüte in Brasilien?
Während die Ernte eines Jahres auf den Markt gelangt, schauen Händler bereits auf die Blüte der nächsten Saison. Niederschläge können den Blühbeginn auslösen; danach benötigen die Pflanzen passende Bedingungen, damit Blüten zu Früchten werden. Trockenheit, Hitze oder andere Wetterextreme können den späteren Ertrag beeinträchtigen.
Das erklärt, weshalb Wetterprognosen auf die Preise wirken, obwohl noch keine neue Ernte existiert. Dennoch sind Blüte, Fruchtansatz und spätere Ernte drei verschiedene Schritte. Ein früher Blühbeginn ist weder eine Garantie für eine frühe Rekordernte noch automatisch ein negatives Signal.

7. Was bedeutet das für Röstereien und Einkäufer?
Ein günstigerer Referenzpreis ist zunächst nur eine Komponente des Einkaufspreises. Für den tatsächlich bezahlten Rohkaffee kommen je nach Vertrag Qualität, Differenzial, Wechselkurs, Logistik, Lagerung und Absicherung hinzu. Besonders Spezialitätenkaffee lässt sich deshalb nicht direkt über einen einzigen ICE-Kurs bewerten.
ICE-Kontrakt beziehungsweise vereinbarte Preisbasis
Herkunft, Qualität, Verfügbarkeit, Liefertermin
Währung, Transport, Finanzierung und weitere Kosten
Schematische redaktionelle Darstellung, keine konkrete Preiskalkulation oder Handelsofferte.
Für ein Café ist zudem wichtig, wann die Rösterei neue Einkaufsbedingungen weitergibt. Bereits vorhandener Rohkaffee, langfristige Verträge und laufende Betriebskosten können verhindern, dass ein Rückgang der Terminnotierungen kurzfristig auf der Getränkekarte sichtbar wird.
Für Produzenten bleibt die Unsicherheit doppelt: Ein niedrigerer Verkaufspreis kann Erlöse schmälern, während Betriebsmittel und Finanzierung teuer bleiben. Zugleich kann eine bessere Erntemenge den Umsatz teilweise stabilisieren. Ob der Gewinn steigt oder sinkt, lässt sich nur mit konkreten Betriebskosten beurteilen.
Fazit: Mehr Angebot ist ein Faktor, keine Gewissheit
Die Marktdaten des Septembers 2026 stützen die These, dass die Erwartung einer größeren Verfügbarkeit die Kaffeepreise belastet. Brasilianische Exporte, vietnamesischer Robusta und die Aussicht auf weitere Ernten spielen dabei wichtige Rollen. Die knappen zertifizierten Bestände und wetterabhängigen Produktionsrisiken sprechen jedoch gegen die Vorstellung eines sicheren, geradlinigen Preisverfalls.
8. Quellen und Einordnung
- International Coffee Organization: Coffee Market Report September 2026 – offizielle Monatsdaten und Marktanalyse.
- StoneX Coffee Network, 4. September 2026 – Analyse der Angebotsaussichten, Bestände und Blühbedingungen.
- Folha de S.Paulo unter Berufung auf Secex, Oktober 2026 – brasilianische Exportmenge September.
- Vietnam.vn: Ausgangsartikel mit September-Momentaufnahme – historische, nicht als aktuelle Oktoberpreise fortgeschriebene Daten.
Redaktionsstand 11. Oktober 2026. Alle Zahlen sind auf den Berichtszeitraum datiert; keine Echtzeitkurse oder Anlageempfehlungen. Fotos sind authentische Archivbilder mit Quellenangaben. Grafiken wurden redaktionell erstellt.

