Ein Wetterphänomen im Pazifik entscheidet mit darüber, ob eine Familie in Huila, Yirgacheffe oder Sumatra im nächsten Jahr ernten kann. Die Prognose der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) lässt wenig Spielraum: Bis Februar 2027 hält El Niño mit nahezu hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit an – und fällt stark aus.
Für die Kaffeeanbaugürtel bedeutet das ein Bündel von Risiken, die sich regional unterschiedlich entladen: Dürre in Teilen Ostafrikas und Südostasiens, Starkregen und Überschwemmungen in Teilen Lateinamerikas, Hitzestress in ohnehin grenzwertigen Höhenlagen. Der Markt hat darauf bereits reagiert. Nach Preisrückgängen bis Juni zogen die Arabica-Notierungen über den Sommer kräftig an. Die International Coffee Organization (ICO) führt den Anstieg im August unter anderem auf mögliche El-Niño-Folgen und ein kurzfristig knappes Arabica-Angebot zurück.
Die entscheidende Zahl liefert der ICO-Preisindikator für “Other Milds”: Im August lag er bei durchschnittlich 3,61 US-Dollar pro Pfund. Das ist deutlich mehr als jene Schwelle, ab der Fairtrade-Mindestpreise überhaupt greifen. Genau hier wird die Debatte interessant – sie verschiebt sich von der Frage der Preisuntergrenze zur Frage der Investitionsfähigkeit.
Ein Markt, der nach oben offen ist – und nach unten schützt
Fairtrade hebt zum 1. Dezember den Mindestpreis für gewaschenen Arabica von 1,80 auf 2,00 US-Dollar pro Pfund an. Die Fairtrade-Prämie von 0,20 Dollar und der Bio-Aufschlag von 0,40 Dollar pro Pfund bleiben unverändert. Der Mechanismus ist als Untergrenze konstruiert: Liegt der Marktpreis darüber, wird der Marktpreis herangezogen.
Bei einem ICO-Indikator von 3,61 Dollar je Pfund liegt der Markt derzeit weit über der Schwelle. Der angehobene Mindestpreis wirkt also nicht als aktueller Zahlungshebel, sondern als Sicherheitsnetz für den nächsten Abschwung. Das ist die eigentliche Funktion: Er soll Produzenten davor bewahren, in einem Preisverfall unter die Produktionskosten zu rutschen und dann die Anpassung an den Klimawandel aufzuschieben.
Hartwig Kirner, Geschäftsführer von Fairtrade Österreich, formuliert den Kern der Sache nüchtern: Extreme Wetterereignisse machten den Anbau schwerer planbar. Entscheidend sei, dass Bauernfamilien wirtschaftlichen Spielraum hätten, um in widerstandsfähigere Methoden und die Zukunft ihrer Farmen zu investieren.
Was El Niño konkret im Feld anrichtet
El Niño bezeichnet die anomal warme Phase im äquatorialen Pazifik, die globale Niederschlagsmuster verschiebt. Für Kaffee heißt das: Die Vegetationsperiode gerät aus dem Takt. In Dürrephasen fallen Blüten, in Starkregenperioden werden Böden abgetragen und Kirschen platzen auf. Beides reduziert nicht nur die Menge, sondern auch die Qualität – und damit den Preis, den ein Produzent am Markt erzielen kann.
Hinzu kommt ein struktureller Effekt: Die geeigneten Anbauhöhen wandern nach oben. Sorten, die bisher auf 1.400 Metern gute Ergebnisse lieferten, geraten unter Hitzestress; gleichzeitig fehlen in höheren Lagen oft Infrastruktur, Fläche und Wasser. Robusta gewinnt in einigen Regionen an Attraktivität, weil er robuster gegenüber höheren Temperaturen ist – was das Angebotsprofil des gesamten Marktes verändert.
Die kurzfristige Knappheit bei Arabica erklärt sich also nicht nur aus El Niño, sondern aus dem Zusammenspiel von Wetterrisiko und einer Lagerhaltung, die in den vergangenen Jahren eher schlank gefahren wurde. Wer heute kontraktiert, kauft ein Wetterrisiko mit.
Preis, Prämie, Aufschlag – die Rechnung der Produzenten
| Größe | Wert |
|---|---|
| Fairtrade-Mindestpreis gewaschener Arabica (ab 1. Dezember) | 2,00 US-Dollar pro Pfund |
| Fairtrade-Mindestpreis vor der Erhöhung | 1,80 US-Dollar pro Pfund |
| Fairtrade-Prämie | 0,20 US-Dollar pro Pfund |
| Bio-Aufschlag | 0,40 US-Dollar pro Pfund |
| ICO-Preisindikator “Other Milds”, August-Durchschnitt | 3,61 US-Dollar pro Pfund |
Die Tabelle zeigt, warum der Mindestpreis derzeit nicht das dominante Thema im Einkauf ist. Wer Bio zertifizierten Arabica unter Fairtrade-Bedingungen kauft, landet bei einem rechnerischen Boden von 2,60 Dollar je Pfund, sofern der Marktpreis nicht darüber liegt. Das erklärt, weshalb die aktuelle Diskussion in der Branche eher um Herkunftsdiversifikation, Ernteprognosen und Vorwärtskontrakte kreist als um Zertifizierungsaufschläge.
Für Produzenten zählt aber nicht nur der Preis pro Pfund, sondern die Stabilität über die Jahre. Ein hoher Spotpreis in einem Jahr hilft wenig, wenn im nächsten die Ernte ausfällt und Kredite für den Neuaufbau der Plantagen fällig werden.
Warum die Anpassung teuer ist – und wer sie bezahlt
Widerstandsfähigere Anbaumethoden kosten Geld: Schattenbäume, Tröpfchenbewässerung, Erosionsschutz, Sortenwechsel, Schulung. Diese Investitionen haben eine Amortisationszeit von mehreren Jahren. Genau in diese Lücke stößt die El-Niño-Prognose. Betriebe, die nach einer schlechten Ernte keine Rücklagen haben, können den Umbau nicht stemmen – und bleiben im alten Muster gefangen.
Fairtrade setzt daher neben dem Mindestpreis auf Sichtbarkeit und Erlöse aus dem Handel. Die “Fairtrade Kaffee-Wochen” laufen vom 14. September bis 10. Oktober rund um den Tag des Kaffees am 1. Oktober; verlost werden wöchentlich ein KlimaTicket Österreich und eine Siebträgermaschine. Solche Aktionen verändern keine Rohstoffbilanz, sie halten aber das Thema im Regal sichtbar.
Für die Industrie ist das ein Signal: Klimarisiko im Ursprung ist längst kein Nebenthema der Nachhaltigkeitsabteilung, sondern ein Beschaffungsrisiko, das in Einkaufsverträge, Lagerstrategien und Herkunftsmixe einfließt.
Was das für die Praxis bedeutet
Röster und Einkäufer sollten ihre Kontraktstruktur prüfen. Wer nur spotnah kauft, trägt das Wetterrisiko vollständig. Vorwärtskontrakte, Mehrherkunftsstrategien und feste Lieferbeziehungen mit langfristigen Preisen sind kein Romantikprogramm, sondern Risikomanagement. Wer zusätzlich die Erntefenster verschiedener Herkünfte kennt, kann Ausfälle einzelner Regionen besser abfedern.
Q-Grader und Baristas werden in den kommenden Monaten stärker mit Jahrgangsschwankungen arbeiten. Cupping-Profile verschieben sich, Säurestrukturen verändern sich, und der Mahlgrad muss auf neue Dichten und Feuchten angepasst werden. Wer Röstrezepte starr fährt, verliert Extraktion und Konsistenz.
Cafébetreiber stehen vor der Wahl, Preiserhöhungen weiterzugeben oder Marge zu opfern. Kommunikation wird dabei zum Teil des Produkts: Wer erklären kann, warum der Preis steigt, verliert weniger Kundschaft als jemand, der schweigt.
Produzenten brauchen mehr als einen fairen Preis in guten Jahren – sie brauchen Planungssicherheit und Zugang zu Finanzierung für Anpassung. Genau hier entscheidet sich, ob El Niño nur ein Preisschock bleibt oder zur dauerhaften Ertragskrise wird.
Quelle: medianet.at (Link: https://medianet.at/news/retail/el-nino-erhoeht-risiken-fuer-kaffeeanbau-77069.html)

