Vietnam steht vor einer möglicherweise rekordhohen Kaffeeernte. Für die Saison 2026/27 rechnet das US-Landwirtschaftsministerium mit 32,5 Millionen Säcken. Doch mehr Kaffee bedeutet nicht automatisch höhere Einkommen: Die Exportmenge wuchs in den ersten neun Monaten 2026, während der durchschnittliche Ausfuhrpreis sank. Was hinter dieser Entwicklung steckt – und was sie für Robusta, Röstereien und Produzenten bedeutet.
60-kg-Säcke, USDA-Prognose 2026/27
davon Robusta, Prognose
Exporte Januar–September 2026, gerundet
durchschnittlicher Exportpreis, Vorjahresvergleich
Quellen: USDA FAS (Mai 2026); vietnamesisches Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt, berichtet am 5. Oktober 2026. Prognosen und bereits gemeldete Exportdaten sind unterschiedliche Größen.
1. Wie groß könnte Vietnams Kaffeeernte 2026/27 werden?
Die Prognose des USDA Foreign Agricultural Service vom 20. Mai 2026 liegt bei 32,5 Millionen Säcken Rohkaffee-Äquivalent zu jeweils 60 Kilogramm. Das sind rechnerisch rund 1,95 Millionen Tonnen. Für 2025/26 nennt der aktualisierte USDA-Ausblick 31,7 Millionen Säcke. Der Zuwachs wäre damit etwa 2,5 Prozent. Wichtig: Die Zahlen sind Prognosen beziehungsweise Schätzungen für Vermarktungsjahre, keine bereits gewogenen Erntemengen.
Millionen Säcke à 60 kg, Rohkaffee-Äquivalent (GBE)
Eigene Grafik nach USDA FAS und vietnamesischer Agrarmarktinformation (Juni/August 2026). 2026/27 ist eine Prognose; 2025/26 eine Schätzung. Die Balken beginnen bei null.
Hinter dem erwarteten Zuwachs stehen unter anderem zusätzliche ertragsfähige Flächen und Investitionen in Pflege und Produktivität. Die hohen Kaffeepreise der Jahre 2024 und 2025 machten solche Investitionen für manche Betriebe attraktiver. Daraus folgt aber nicht, dass die gesamte Ernte bereits gesichert wäre.

2. Warum eine Rekordernte nicht automatisch Rekorderlöse bedeutet
Die Produktionsmenge und der erzielte Preis sind zwei verschiedene Größen. Selbst wenn mehr Kaffee verkauft wird, können die Einnahmen sinken, sobald der Durchschnittspreis stärker zurückgeht als die exportierte Menge zunimmt.
Genau diesen Unterschied zeigen die verfügbaren Daten für Januar bis September 2026: Die vietnamesischen Kaffeeexporte erreichten nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums rund 1,4 Millionen Tonnen und einen Warenwert von 6,54 Milliarden US-Dollar. Gegenüber dem gleichen Vorjahreszeitraum stieg die Menge um 15,4 Prozent, der Exportwert sank jedoch um 7,3 Prozent. Der durchschnittliche Exportpreis fiel demnach um 19,7 Prozent.
Eigene Datendarstellung; Veränderung gegenüber Januar–September 2025. Quelle: Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt Vietnams, zitiert von Agro.gov.vn, 5. Oktober 2026. Prozentwerte sind keine Börsenkurse.
3. Warum Robusta in Vietnam besonders wichtig ist
Vietnam ist weltweit einer der wichtigsten Kaffeeexporteure und der führende Anbieter von Robusta. Für die Saison 2026/27 erwartet das USDA etwa 31,4 Millionen Säcke Robusta und 1,1 Millionen Säcke Arabica. Robusta würde damit gut 96 Prozent der prognostizierten Kaffeeproduktion ausmachen.
Robusta wird vor allem in Espressomischungen, löslichem Kaffee und zunehmend in hochwertig aufbereiteten Spezialitäten verwendet. Die Qualität hängt nicht allein von der Kaffeeart ab, sondern auch von Sortenwahl, Reifegrad, Verarbeitung, Lagerung und Röstung.

4. Was bedeutet das für die Menschen auf den Farmen?
Hohe Weltmarktpreise können Investitionen in Dünger, Bewässerung, Neupflanzungen und die Aufbereitung ermöglichen. Zugleich entstehen höhere Kosten und Risiken. Bei fallenden Preisen kann sich die Kalkulation eines Betriebs rasch verändern – besonders dann, wenn Investitionen auf Kredit finanziert wurden.
Die Aussichten unterscheiden sich je nach Region, Alter der Pflanzen, Wasserverfügbarkeit, Erntearbeit und Absatzkanal. Aussagen einzelner Bauern über eine gute Ernte sind wertvolle lokale Beobachtungen, aber kein belastbarer Beweis für eine landesweite Rekordproduktion.
5. Was sagen die Exportzahlen – und was nicht?
Exportzahlen messen die grenzüberschreitend verkaufte Menge innerhalb eines Kalenderzeitraums. Sie entsprechen nicht der Kaffeeernte desselben Zeitraums: Exporte können auch aus Lagerbeständen stammen. Das USDA weist ausdrücklich darauf hin, dass die Rückgänge gegenüber früheren Preisgipfeln Lagerfreigaben durch Farmer, Händler und Exporteure begünstigt haben.
Für einen sorgfältigen Marktvergleich müssen außerdem Rohkaffee-Äquivalente, tatsächliche Tonnen und Produktkategorien wie Röstkaffee oder löslicher Kaffee auseinandergehalten werden. Ein 60-Kilogramm-Sack in der USDA-Prognose ist nicht automatisch ein physischer Exportsack aus dem Zollbericht.
6. Was Einkäufer und Röstereien beachten sollten
Eine größere Ernte kann die Beschaffung erleichtern, lässt aber keine sichere Aussage über einzelne Qualitäten oder Einkaufspreise zu. Hochwertige Lots werden durch ihre Verarbeitung und sensorische Eigenschaften definiert; ihre Verfügbarkeit folgt nicht zwangsläufig dem Verlauf des Massenmarktes.
Für professionelle Käufer sind deshalb mindestens vier Fragen entscheidend: Wann wurde die Partie geerntet? Wie ist sie aufbereitet und gelagert worden? Welche Qualitätswerte sind dokumentiert? Und auf welcher Vertragsbasis wird der Preis festgelegt?
7. Was bis zum Abschluss der Saison offenbleibt
Die Prognose von 32,5 Millionen Säcken beruht auf verfügbaren Daten und Modellannahmen. Wetterereignisse, Erntefortschritt und die tatsächliche vermarktbare Qualität können das Ergebnis beeinflussen. Auch der Marktpreis hängt nicht nur von Vietnam ab, sondern unter anderem von der Ernte in Brasilien, Währungskursen, Beständen und globaler Nachfrage.
Ein steigendes Angebot kann die Märkte entlasten. Ob die Robusta-Preise dauerhaft sinken oder hoch bleiben, lässt sich daraus allein nicht ableiten.
Fazit: Rekorderwartung mit Preisrisiko
Vietnam könnte 2026/27 eine sehr große Kaffeeernte einfahren. Gleichzeitig zeigen die Exportdaten bis September 2026, dass steigende Mengen mit rückläufigen Durchschnittspreisen einhergehen können. Für Farmer, Händler und Röstereien ist deshalb weniger die Schlagzeile „Rekordernte“ entscheidend als das Zusammenspiel von Menge, Qualität, Kosten und realisierbaren Preisen.
8. Quellen und Methodik
- USDA Foreign Agricultural Service: Vietnam Coffee Annual, VM2026-0016, 20. Mai 2026 – Ernte-, Export- und Konsumprognosen.
- Agro.gov.vn, 19. Juni 2026 – USDA-Schätzungen 2025/26 und 2026/27, Robusta/Arabica-Aufteilung.
- Agro.gov.vn, 5. Oktober 2026 – Exporte Januar bis September 2026 und Preisentwicklung auf Basis ministerieller Angaben.
- Agro.gov.vn, 7. August 2026 – Einordnung der USDA-Weltmarktprognose.
Redaktionsstand: 11. Oktober 2026. Die Produktionsmengen sind saisonbezogene USDA-Schätzungen und -Prognosen; die Exportwerte beziehen sich auf die ersten neun Kalendermonate 2026. Bilder sind dokumentarische Archivaufnahmen und nicht als Fotos der aktuellen Erntesaison gekennzeichnet.

